Wer ist das für Knechtels Wiki? John Robison ist Knechtels zweite Frühquelle für die Illuminaten-Verschwörungsthese – veröffentlicht parallel zu Barruel, unabhängig voneinander entwickelt, kommt zum gleichen Ergebnis. Sein Hintergrund als angesehener Wissenschaftler gibt seinen Behauptungen mehr Glaubwürdigkeit als Barruel – was ihn für Knechtel besonders nützlich macht. Wie sieht die Faktenlage aus?

👤 Kurzbiographie

John Robison war ein schottischer Physiker und Mathematiker von erheblichem Ruf. Professor für Naturphilosophie an der Universität Edinburgh, Sekretär der Royal Society of Edinburgh. Er erfand die Sirene als akustisches Instrument und leistete wichtige Beiträge zur Dampfmaschinenentwicklung (Zusammenarbeit mit James Watt). Mitglied mehrerer Freimaurerlogen.

Kurz: Das ist kein Spinner am Rand – das ist ein etablierter Wissenschaftler der schottischen Aufklärung.

Hauptwerk: Proofs of a Conspiracy against all the Religions and Governments of Europe (1797, Edinburgh). Erschien im gleichen Jahr wie Barruels Mémoires – die beiden kannten sich nicht, entwickelten ihre Thesen unabhängig voneinander. Dieses Zusammentreffen wurde von Zeitgenossen als Bestätigung gewertet.

📖 Was behauptet Robison?

Robison behauptet, die Illuminaten Weishaupts hätten die europäische Freimaurerei systematisch unterwandert und benutzten sie als Werkzeug für eine revolutionäre Agenda. Als Freimaurer selbst hatte er Einblick in Logenstrukturen und sah dort Einflüsse, die ihn alarmierten. Seine These: Was in Frankreich begann, ist erst der Anfang – ganz Europa sei das Ziel.


✅❌ Fakt-Check – These für These

| Behauptung | Fakt-Level | Einordnung | |
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| | Die Illuminaten existierten und hatten Logenstruktur | Hoch | Vollständig dokumentiert – Originalschriften Weishaupts erhalten | | Illuminaten infiltrierten gezielt Freimaurerlogen | Mittel | Belegbar für einzelne Logen (Wilhelmsbader Konvent 1782). Ausmaß und Koordination: umstritten | | Die Illuminaten planten aktiv Regierungsstürze | Niedrig | Weishaupts Schriften zeigen aufklärerische Utopie, nicht konkrete Putschpläne. Nach dem Verbot 1785 keine operative Aktivität belegt | | Robisons eigene Logen-Erfahrungen als Beweis | Subjektiv | Robison beschreibt eigene Beobachtungen in deutschen Logen – nicht falsifizierbar, aber auch nicht verallgemeinerbar | | Die Verschwörung erklärte die Französische Revolution | Niedrig | Strukturelle Ursachen (Finanzkrise, Missernten, Aufklärung als breite Strömung) erklären die Revolution vollständig ohne Verschwörung |

🧪 Robisons Glaubwürdigkeitsproblem: Der Kontext seiner letzten Jahre

Hier liegt ein wichtiger Unterschied zu Barruels Arbeit: Robison schrieb Proofs of a Conspiracy in seinen späten 50ern, nachdem er mehrere Jahre krank war und unter chronischen Schmerzen litt. Zeitgenössische Korrespondenz legt nahe, dass er in dieser Phase Angstvorstellungen entwickelte, die sein Urteil beeinflussten. Der Historiker J.M. Roberts (The Mythology of the Secret Societies, 1972) charakterisiert das Werk als das Produkt eines klugen, aber in seinen letzten Jahren paranoiden Mannes.

Das bedeutet nicht, dass alle seine Fakten falsch sind – es bedeutet, dass sein Selektionsfilter verzerrt war.


⚖️ Methodische Einordnung

Was Robison richtig macht:

- Direkte Erfahrung als Freimaurer (Insider-Perspektive) - Kenntnis der deutschen Aufklärungsszene aus eigener Reiseerfahrung - Stützt sich teilweise auf Primärquellen (Weishaupts konfiszierte Schriften) - Trennt besser als Barruel zwischen Beobachtung und Schluss

Wo er schwach ist:

- Selektive Quellennutzung: nutzt konfiszierte Illuminatenschriften, ignoriert das Verbot und den Zusammenbruch der Bewegung 1785 - Schreibt in einer Zeit politischer Panik (England fürchtete Revolution nach dem französischen Vorbild) – sein Werk diente auch dem politischen Zweck, Reformen zu delegitimieren - Kausalitätssprung: Illuminaten hatten radikale Ideen → also organisierten sie die Revolution

Warum er für Verschwörungstheoretiker attraktiv ist:

Robisons wissenschaftlicher Hintergrund gibt seinen Behauptungen eine Autorität, die Barruel (Jesuit, offensichtlich interessengeleitet) nicht hat. In Knechtels Quellenliste fungiert er als wissenschaftliche Stütze für eine These, die wissenschaftlich nicht haltbar ist.


🔗 Verhältnis zu Barruel

Robison und Barruel veröffentlichten 1797 unabhängig voneinander, kamen zu ähnlichen Schlüssen. Das wurde von Zeitgenossen als gegenseitige Bestätigung gewertet. Historiker bewerten das anders: Zwei voneinander unabhängige Werke, die zur gleichen Zeit auf denselben Gerüchten basieren, bestätigen sich nicht – sie zeigen, wie verbreitet diese Gerüchte in einer Panik-Epoche waren.


📚 Primärquellen & Sekundärliteratur

- Robison: Proofs of a Conspiracy (1797) – archive.org - J.M. Roberts: The Mythology of the Secret Societies (1972, Secker & Warburg) – Standardwerk zur historiographischen Einordnung - Richard Hofstadter: The Paranoid Style in American Politics (1964) – Robison als Ursprungsquelle des modernen Verschwörungsdenkens


Version: 1.0 | Erstellt: 2026-02-19 | Quellen-Evaluation für Die Rothschilds – Knechtels Kernthese